Pullis von oben häkeln – Was bedeutet „Top Down“?

22.02.2026

Bauweise, Berechnung & Bonus-Anleitung für einen einfachen Raglan-Pulli

"Top Down" bedeutet beim Häkeln:
Ein Kleidungsstück wird vom Halsausschnitt aus nach unten gearbeitet.

Was simpel klingt, ist konstruktiv eine sehr durchdachte Methode – und bietet enorme Vorteile in Bezug auf Passform, Anpassbarkeit und Garnkontrolle.

Heute schauen wir uns an:

  • Wie ein Top-Down-Pulli technisch aufgebaut ist

  • Wie die Größenberechnung funktioniert

  • Und du bekommst eine kleine Bonus-Anleitung zum Nacharbeiten


🧶 Was bedeutet "Top Down" beim Häkeln?

"Top Down" heißt schlicht:

Der Pullover wird von oben nach unten gearbeitet.

Du beginnst am Halsausschnitt und arbeitest dich Schritt für Schritt nach unten – über Schulterpartie, Brustbereich bis zum Saum.

Je nach Konstruktion:

  • Rundpasse

  • Raglan

  • Sattelpassform

  • oder konstruiert mit Teilungsrunden

Aber das Prinzip bleibt:
👉 Kein späteres Zusammennähen von Vorder- und Rückenteil.

Und genau das lieben viele.

🏗 Wie ist ein Top-Down-Pulli aufgebaut?

Typischer Ablauf:

  1. Anschlag am Hals

  2. Zunahmen für Schulter & Brustweite

  3. Aufteilen in Körper & Ärmel

  4. Körper in Runden oder Reihen nach unten

  5. Ärmel separat weiterarbeiten

Das klingt technisch – ist aber in Wahrheit logisch aufgebaut.
Du formst das Kleidungsstück direkt am Körper.

✨ Vorteile der Top-Down-Methode

Jetzt wird's spannend.

1. Anprobieren während des Häkelns

Du kannst den Pulli jederzeit überziehen und prüfen:

  • Länge

  • Brustweite

  • Ärmelweite

  • Passform

Das ist Gold wert. Gerade bei individuellen Körperformen.

2. Individuelle Längenanpassung

Zu kurz?
Machst du einfach weiter.

Zu lang?
Früher stoppen.

Kein Rechnen mit "Wenn ich noch 4 Reihen mache, wie lang wird das dann wohl?"

Du siehst es direkt.

3. Garnverbrauch besser kontrollierbar

Wenn du merkst, das Garn wird knapp:

  • Ärmel etwas kürzer

  • Crop-Version statt Long-Version

  • Bündchen schmaler

Flexibilität pur.

4. Kaum Nähte

Viele Top-Down-Modelle kommen komplett ohne Zusammennähen aus.

Und wir wissen alle:
Nähen ist nicht das Lieblingshobby der meisten HäklerInnen. 😉

📐 Wie funktioniert die Größenberechnung?

Und jetzt der Teil, bei dem viele Respekt bekommen.
Muss man aber nicht.

Grundprinzip:

Du arbeitest mit:

  • Maschenprobe

  • gewünschtem Brustumfang

  • Halsweite

  • Zunahmerhythmus

Beispiel:

Angenommen:

Maschenprobe:
20 Maschen = 10 cm

Du brauchst 100 cm Brustumfang.

Rechnung:

100 cm ÷ 10 cm = 10
10 × 20 Maschen = 200 Maschen Gesamtweite

Diese 200 Maschen müssen durch Zunahmen erreicht werden.

Beim klassischen Raglan z.B.:

  • 4 Zunahmestellen

  • in jeder Zunahmerunde +8 Maschen

So wächst dein Pulli kontrolliert in die gewünschte Größe.

Das ist kein Hexenwerk – sondern Mathematik auf Grundschulniveau. 😌

🧵 Welche Bauweise passt zu wem?

🔹 Rundpasse

  • harmonisch

  • ideal für Muster

  • wirkt weich & fließend

🔹 Raglan

  • sportlich

  • sehr gut berechenbar

  • perfekt für AnfängerInnen

🔹 Sattel- oder Schulterkonstruktionen

  • eleganter Sitz

  • technisch etwas anspruchsvoller

🤔 Gibt es Nachteile?

Ja, wir müssen hier ehrlich bleiben.

  • Muster müssen rund funktionieren (bei Rundarbeit)

  • Zunahmen müssen sauber geplant sein

  • Bei sehr festen Garnen kann der Fall etwas steifer wirken

Aber:
Das ist alles lösbar – mit guter Anleitung.

🧡 Wann empfehle ich Top Down?

  • wenn du Anpassungen liebst

  • wenn du nicht nähen möchtest

  • wenn du deine Länge individuell bestimmen willst

  • wenn du mit Farbverläufen arbeitest

Gerade bei Sommergarnen oder leichten Pullis ist diese Methode einfach genial.


🧵 BONUS: Einfache Top-Down-Raglan-Anleitung (Größe M)

Diese Anleitung ist bewusst schlicht gehalten – ideal zum Ausprobieren der Technik.


Material

  • 350–450 g DK-Garn (Baumwolle oder Merino)

  • Häkelnadel 4 mm

  • 4 Maschenmarkierer

  • Wollnadel

Maschenprobe

18 Stäbchen × 9 Reihen = 10 × 10 cm


Anschlag

72 Luftmaschen anschlagen und zur Runde schließen (nicht verdrehen).

Maschen wie folgt einteilen:

22 Maschen Vorderteil
1 Masche Raglan
12 Maschen Ärmel
1 Masche Raglan
22 Maschen Rückenteil
1 Masche Raglan
12 Maschen Ärmel
1 Masche Raglan

Die 4 Raglanmaschen markieren.

Runde 1

In jede Masche 1 Stäbchen häkeln.

In jede Raglanmasche arbeiten:
2 Stäbchen, 1 Luftmasche, 2 Stäbchen.

Runde 2–14

In jede Masche 1 Stäbchen häkeln.

An jeder Raglanstelle arbeiten:
2 Stäbchen, 1 Luftmasche, 2 Stäbchen.

Hinweis:
Pro Runde entstehen insgesamt 8 neue Maschen.

Teilung von Körper und Ärmeln

Sobald die gewünschte Brustweite erreicht ist (ca. 96–104 cm Umfang):

  • Bis zur ersten Raglanstelle häkeln

  • Ärmelmaschen überspringen

  • 4 Luftmaschen unter dem Arm anschlagen

  • Mit dem Rückenteil fortfahren

  • Auf der anderen Seite wiederholen

Ab jetzt nur noch in Runden über den Körper arbeiten.

Körper

In Runden weiter Stäbchen häkeln, bis die gewünschte Länge erreicht ist.

Optional:
2 Runden Reliefstäbchen vorne/hinten für ein Bündchen.

Ärmel

Faden am Unterarm neu ansetzen.

In Runden Stäbchen häkeln.

Für eine leichte Verjüngung:
Alle 4. Runde jeweils 2 Maschen abnehmen.


📏 So rechnest du die BONUS-Anleitung auf individuelle Größen um

Sollten die Angaben der Schnellübersichts-Tabelle bei Dir nicht passen - kein Problem.

Die Grundidee bleibt immer gleich, wie auch schon oben beschrieben:

  1. Maschenprobe ermitteln

  2. Wunsch-Brustumfang festlegen

  3. Zielmaschenzahl berechnen

  4. Anzahl der Zunahmerunden bestimmen

Schritt 1: Maschenprobe

Beispiel:

18 Stäbchen = 10 cm

Das bedeutet:

1 cm = 1,8 Maschen

Schritt 2: Ziel-Brustumfang bestimmen

Hier eine schnelle Orientierung (ohne Bequemlichkeitszugabe):

XS → 84 cm
S → 92 cm
M → 100 cm
L → 108 cm
XL → 116 cm
XXL → 124 cm

Für lockere Pullis:

  • 4–8 cm Bequemlichkeitszugabe hinzufügen.

Schritt 3: Zielmaschenzahl berechnen

Formel:

Brustumfang × Maschen pro cm

Beispiel Größe L (108 cm):

108 × 1,8 = 194,4

→ Auf eine durch 8 teilbare Zahl runden
→ 192 oder 200 Maschen

Warum durch 8 teilbar?

Weil pro Zunahmerunde 8 Maschen entstehen.

Schritt 4: Benötigte Zunahmerunden berechnen

Formel:

(Zielmaschen – Anfangsmaschen) ÷ 8

Beispiel:

Start = 72 Maschen
Ziel = 192 Maschen

192 – 72 = 120
120 ÷ 8 = 15 Zunahmerunden

Fertig.


💡 Profi-Tipp

Wenn du den Hals größer oder kleiner starten willst:

Neue Anfangsmaschenzahl × Maschenprobe
→ Danach dieselbe Berechnungslogik anwenden.

Die Zunahmesystematik bleibt immer identisch.


🔎 Technischer Hinweis

Diese einfache Konstruktion ist ein klassischer Raglan mit gleichmäßiger Erweiterung.

Fortgeschrittene Varianten arbeiten mit:

  • verkürzten Reihen für Halsausschnitt-Anhebung

  • differenzierter Ärmelverteilung

  • Musterintegration während der Zunahmen

  • schräger Raglanlinie ohne Luftmaschenbogen

Doch als Einstieg ist dieses Modell ideal, um das Prinzip wirklich zu verstehen.


🧶 Fazit: Top Down ist Freiheit

Top Down ist keine Modeerscheinung –
es ist eine konstruktiv saubere, kontrollierbare und flexible Methode.

Du arbeitest nicht "blind nach unten",
sondern baust dein Kleidungsstück systematisch auf.

Und genau deshalb ist diese Technik so beliebt.

🔗 Technik auch im Stricken: Top Down im Vergleich

Wenn dich die Konstruktion von oben nach unten grundsätzlich interessiert, lohnt sich auch ein Blick in meinen ausführlichen Artikel zur Top-Down-Methode im Stricken:

👉 Pullis von oben stricken – Top-Down-Methode einfach erklärt

Dort erkläre ich die Bauweise noch einmal detailliert aus der Strickperspektive – inklusive konstruktiver Unterschiede zwischen Raglan, Rundpasse und anderen Schulterformen.

Unter Punkt 4) findest du zusätzlich ausführliche Größentabellen (EU / UK / US) für:

  • Baby

  • Damen

  • Herren

Diese Tabellen sind besonders hilfreich, wenn du Modelle systematisch entwickeln oder bestehende Anleitungen präzise an internationale Größen anpassen möchtest.


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Ich kann gut verstehen, warum diese Technik so viele AnhängerInnen hat - muss aber zugeben... ich bin eher Team "klassisch in Einzelteilen". 

Alles Liebe,
Deine Kathrin 🧡    


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