Pullis von oben häkeln – Was bedeutet „Top Down“?

Bauweise, Berechnung & Bonus-Anleitung für einen einfachen Raglan-Pulli
"Top Down" bedeutet beim Häkeln:
Ein Kleidungsstück wird vom Halsausschnitt aus nach unten gearbeitet.
Was simpel klingt, ist konstruktiv eine sehr durchdachte Methode – und bietet enorme Vorteile in Bezug auf Passform, Anpassbarkeit und Garnkontrolle.
Heute schauen wir uns an:
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Wie ein Top-Down-Pulli technisch aufgebaut ist
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Wie die Größenberechnung funktioniert
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Und du bekommst eine kleine Bonus-Anleitung zum Nacharbeiten
🧶 Was bedeutet "Top Down" beim Häkeln?
"Top Down" heißt schlicht:
Der Pullover wird von oben nach unten gearbeitet.
Du beginnst am Halsausschnitt und arbeitest dich Schritt für Schritt nach unten – über Schulterpartie, Brustbereich bis zum Saum.
Je nach Konstruktion:
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Rundpasse
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Raglan
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Sattelpassform
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oder konstruiert mit Teilungsrunden
Aber das Prinzip bleibt:
👉 Kein späteres Zusammennähen von Vorder- und Rückenteil.
Und genau das lieben viele.
🏗 Wie ist ein Top-Down-Pulli aufgebaut?
Typischer Ablauf:
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Anschlag am Hals
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Zunahmen für Schulter & Brustweite
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Aufteilen in Körper & Ärmel
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Körper in Runden oder Reihen nach unten
-
Ärmel separat weiterarbeiten
Das klingt technisch – ist aber in Wahrheit logisch aufgebaut.
Du formst das Kleidungsstück direkt am Körper.
✨ Vorteile der Top-Down-Methode
Jetzt wird's spannend.
1. Anprobieren während des Häkelns
Du kannst den Pulli jederzeit überziehen und prüfen:
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Länge
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Brustweite
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Ärmelweite
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Passform
Das ist Gold wert. Gerade bei individuellen Körperformen.
2. Individuelle Längenanpassung
Zu kurz?
Machst du einfach weiter.
Zu lang?
Früher stoppen.
Kein Rechnen mit "Wenn ich noch 4 Reihen mache, wie lang wird das dann wohl?"
Du siehst es direkt.
3. Garnverbrauch besser kontrollierbar
Wenn du merkst, das Garn wird knapp:
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Ärmel etwas kürzer
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Crop-Version statt Long-Version
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Bündchen schmaler
Flexibilität pur.
4. Kaum Nähte
Viele Top-Down-Modelle kommen komplett ohne Zusammennähen aus.
Und wir wissen alle:
Nähen ist nicht das Lieblingshobby der meisten HäklerInnen. 😉
📐 Wie funktioniert die Größenberechnung?
Und jetzt der Teil, bei dem viele Respekt bekommen.
Muss man aber nicht.
Grundprinzip:
Du arbeitest mit:
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Maschenprobe
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gewünschtem Brustumfang
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Halsweite
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Zunahmerhythmus
Beispiel:
Angenommen:
Maschenprobe:
20 Maschen = 10 cm
Du brauchst 100 cm Brustumfang.
Rechnung:
100 cm ÷ 10 cm = 10
10 × 20 Maschen = 200 Maschen Gesamtweite
Diese 200 Maschen müssen durch Zunahmen erreicht werden.
Beim klassischen Raglan z.B.:
-
4 Zunahmestellen
-
in jeder Zunahmerunde +8 Maschen
So wächst dein Pulli kontrolliert in die gewünschte Größe.
Das ist kein Hexenwerk – sondern Mathematik auf Grundschulniveau. 😌
🧵 Welche Bauweise passt zu wem?
🔹 Rundpasse
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harmonisch
-
ideal für Muster
-
wirkt weich & fließend
🔹 Raglan
-
sportlich
-
sehr gut berechenbar
-
perfekt für AnfängerInnen
🔹 Sattel- oder Schulterkonstruktionen
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eleganter Sitz
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technisch etwas anspruchsvoller
🤔 Gibt es Nachteile?
Ja, wir müssen hier ehrlich bleiben.
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Muster müssen rund funktionieren (bei Rundarbeit)
-
Zunahmen müssen sauber geplant sein
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Bei sehr festen Garnen kann der Fall etwas steifer wirken
Aber:
Das ist alles lösbar – mit guter Anleitung.
🧡 Wann empfehle ich Top Down?
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wenn du Anpassungen liebst
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wenn du nicht nähen möchtest
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wenn du deine Länge individuell bestimmen willst
-
wenn du mit Farbverläufen arbeitest
Gerade bei Sommergarnen oder leichten Pullis ist diese Methode einfach genial.
🧵 BONUS: Einfache Top-Down-Raglan-Anleitung (Größe M)
Diese Anleitung ist bewusst schlicht gehalten – ideal zum Ausprobieren der Technik.

Material
350–450 g DK-Garn (Baumwolle oder Merino)
Häkelnadel 4 mm
4 Maschenmarkierer
Wollnadel
Maschenprobe
18 Stäbchen × 9 Reihen = 10 × 10 cm
Anschlag
72 Luftmaschen anschlagen und zur Runde schließen (nicht verdrehen).
Maschen wie folgt einteilen:
22 Maschen Vorderteil
1 Masche Raglan
12 Maschen Ärmel
1 Masche Raglan
22 Maschen Rückenteil
1 Masche Raglan
12 Maschen Ärmel
1 Masche Raglan
Die 4 Raglanmaschen markieren.
Runde 1
In jede Masche 1 Stäbchen häkeln.
In jede Raglanmasche arbeiten:
2 Stäbchen, 1 Luftmasche, 2 Stäbchen.
Runde 2–14
In jede Masche 1 Stäbchen häkeln.
An jeder Raglanstelle arbeiten:
2 Stäbchen, 1 Luftmasche, 2 Stäbchen.
Hinweis:
Pro Runde entstehen insgesamt 8 neue Maschen.
Teilung von Körper und Ärmeln
Sobald die gewünschte Brustweite erreicht ist (ca. 96–104 cm Umfang):
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Bis zur ersten Raglanstelle häkeln
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Ärmelmaschen überspringen
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4 Luftmaschen unter dem Arm anschlagen
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Mit dem Rückenteil fortfahren
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Auf der anderen Seite wiederholen
Ab jetzt nur noch in Runden über den Körper arbeiten.
Körper
In Runden weiter Stäbchen häkeln, bis die gewünschte Länge erreicht ist.
Optional:
2 Runden Reliefstäbchen vorne/hinten für ein Bündchen.
Ärmel
Faden am Unterarm neu ansetzen.
In Runden Stäbchen häkeln.
Für eine leichte Verjüngung:
Alle 4. Runde jeweils 2 Maschen abnehmen.
📏 So rechnest du die BONUS-Anleitung auf individuelle Größen um
Sollten die Angaben der Schnellübersichts-Tabelle bei Dir nicht passen - kein Problem.
Die Grundidee bleibt immer gleich, wie auch schon oben beschrieben:
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Maschenprobe ermitteln
-
Wunsch-Brustumfang festlegen
-
Zielmaschenzahl berechnen
-
Anzahl der Zunahmerunden bestimmen
Schritt 1: Maschenprobe
Beispiel:
18 Stäbchen = 10 cm
Das bedeutet:
1 cm = 1,8 Maschen
Schritt 2: Ziel-Brustumfang bestimmen
Hier eine schnelle Orientierung (ohne Bequemlichkeitszugabe):
XS → 84 cm
S → 92 cm
M → 100 cm
L → 108 cm
XL → 116 cm
XXL → 124 cm
Für lockere Pullis:
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4–8 cm Bequemlichkeitszugabe hinzufügen.
Schritt 3: Zielmaschenzahl berechnen
Formel:
Brustumfang × Maschen pro cm
Beispiel Größe L (108 cm):
108 × 1,8 = 194,4
→ Auf eine durch 8 teilbare Zahl runden
→ 192 oder 200 Maschen
Warum durch 8 teilbar?
Weil pro Zunahmerunde 8 Maschen entstehen.
Schritt 4: Benötigte Zunahmerunden berechnen
Formel:
(Zielmaschen – Anfangsmaschen) ÷ 8
Beispiel:
Start = 72 Maschen
Ziel = 192 Maschen
192 – 72 = 120
120 ÷ 8 = 15 Zunahmerunden
Fertig.
💡 Profi-Tipp
Wenn du den Hals größer oder kleiner starten willst:
Neue Anfangsmaschenzahl × Maschenprobe
→ Danach dieselbe Berechnungslogik anwenden.
Die Zunahmesystematik bleibt immer identisch.
🔎 Technischer Hinweis
Diese einfache Konstruktion ist ein klassischer Raglan mit gleichmäßiger Erweiterung.
Fortgeschrittene Varianten arbeiten mit:
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verkürzten Reihen für Halsausschnitt-Anhebung
-
differenzierter Ärmelverteilung
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Musterintegration während der Zunahmen
-
schräger Raglanlinie ohne Luftmaschenbogen
Doch als Einstieg ist dieses Modell ideal, um das Prinzip wirklich zu verstehen.
🧶 Fazit: Top Down ist Freiheit
Top Down ist keine Modeerscheinung –
es ist eine konstruktiv saubere, kontrollierbare und flexible Methode.
Du arbeitest nicht "blind nach unten",
sondern baust dein Kleidungsstück systematisch auf.
Und genau deshalb ist diese Technik so beliebt.
🔗 Technik auch im Stricken: Top Down im Vergleich
Wenn dich die Konstruktion von oben nach unten grundsätzlich interessiert, lohnt sich auch ein Blick in meinen ausführlichen Artikel zur Top-Down-Methode im Stricken:
👉 Pullis von oben stricken – Top-Down-Methode einfach erklärt
Dort erkläre ich die Bauweise noch einmal detailliert aus der Strickperspektive – inklusive konstruktiver Unterschiede zwischen Raglan, Rundpasse und anderen Schulterformen.
Unter Punkt 4) findest du zusätzlich ausführliche Größentabellen (EU / UK / US) für:
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Baby
-
Damen
-
Herren
Diese Tabellen sind besonders hilfreich, wenn du Modelle systematisch entwickeln oder bestehende Anleitungen präzise an internationale Größen anpassen möchtest.
#strickenimtrend #TopDownHäkeln #Häkeltechnik #PulliHäkeln #MaschenMitLiebe
Ich kann gut verstehen, warum diese Technik so viele AnhängerInnen hat - muss aber zugeben... ich bin eher Team "klassisch in Einzelteilen".
Alles Liebe,
Deine Kathrin 🧡
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